SAMSON ET DALILA

Oper von Camille Saint-Saëns
Szenische Aufführung in der Philharmonie Berlin
12. und 13. Februar 2007, 20 Uhr

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Zur Konzeption

Ein Stück über religiösen und politischen Fanatismus. Die Rollen von Täter und Opfer lassen sich nicht zuordnen. Die »Unterdrückten« morden ebenso maßlos wie die »Unterdrücker«. Ihre jeweiligen Führer (Samson, Dalila und der Hohepriester) handeln unmenschlich und doch aus ihrer jeweiligen Perspektive richtig. Die gesellschaftlichen und politischen Strukturen sind nur schwer durchschaubar, eigentlich unentwirrbar.

Inmitten dieses Chaos entsteht eine unmögliche Liebe, die Liebe zwischen der Heidin Dalila und dem Juden Samson. Beide bleiben Unterdrückte ihres politischen Wollens und ihrer sozialen Identität. So muss ihre Liebe scheitern, und damit zerbricht eine ganze Gesellschaft, in der bereits Kinder zu Attentätern erzogen werden, an brutalem Starrsinn und zynischem Vorteilsdenken. Wo jeder den anderen belügt und benutzt, bleibt die Liebe chancenlos. Am Ende stehen Tod, Verwüstung und Hoffnungslosigkeit. Ein drängendes Stück.

Zentrales Moment der Konzeption ist der Missbrauch von Religion. Wir erleben in »Samson et Dalila« eine sehr gegenwärtige Welt, in der historisch gewachsene Strukturen eigentlich älter sind als die politisch verordneten religiösen Feindbilder. Es geht hier nicht um den großen Weltkonflikt, sondern die kleinen Provinzwirrnisse, die nie das Licht der Weltöffentlichkeit erblicken, die in ihrer Gesamtheit aber unsere akute globale Katastrophe ausmachen. Hier streiten zwei Parteien um den Ausverkauf eines Stück Landes, auf dem sie doch »nur« zu Hause sein wollten – die einen wie die anderen. Für uns ist Dalila keine berechnende Intrigantin, sondern eine idealistische Utopistin, die für ihre politische Überzeugung das persönliche Lebensglück opfert – dabei nicht merkend, dass sie längst wie Samson selbst zu tief in die Wirrnisse machtpolitischer Interessen verstrickt ist, um nicht den zynischen Kriegsgewinnlern in die Hände zu spielen.

Das Ende ist der tatsächliche Ausverkauf des Landes, über den ein manipuliertes Volk jubelt und den einzelnen Menschen, das individuelle Drama zerstört zurücklässt.

Saint-Saëns’ Oper wurde seit über 20 Jahren nicht in einer szenischen Fassung in Berlin gezeigt. Es ist an der Zeit, dieses oft in trügerischem Wohlklang und falschem Styroporpomp der Ausstattungsoper ertränkte Werk erneut zur Diskussion zu stellen – an einem Ort, dessen räumliche Gegebenheiten per se zur Nacktheit und zur Direktheit auf der Bühne zwingen: im Konzertsaal. Der amphitheaterartige große Saal der Berliner Philharmonie wird zum epischen und politischen (Ver-) Handlungsraum, in dem wir Saint-Saëns’ verkanntes Opus Magnum szenisch und musikalisch auf seine unbequeme Substanz hin befragen.



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©2007 Hendrik Müller, Berlin